Vor elf Jahren kam Lu zu uns. Nach einer sehr vorfreudigen und reibungslosen Schwangerschaft sahen wir jungen Eltern uns am Tag nach ihrer Geburt völlig unerwartet der Diagnose Down-Syndrom gegenübergestellt. Nach dem ersten Schrecken und dem folgenden Chaos aller vorstellbaren Gefühle verschrieben wir uns recht schnell und intuitiv dem Motto: Alles so normal wie möglich. Seitdem läuft unser Leben auch ziemlich gewöhnlich und unterscheidet sich nicht besonders von dem anderer Familien, wäre da nicht die Gesellschaft, die Bürokratie und vor allem enge und veraltete Vorstellungen, wie Leben, wie Mensch sein sollte. Je älter Lu wird, desto mehr werden wir – auch heutzutage noch, wo Inklusion doch in aller Munde ist – mit Grenzen in Köpfen, mit tradierten, beschränkten Sichtweisen und beschränkenden Aussagen darüber, was möglich wäre und was nicht, sowie mit starren Strukturen konfrontiert. Mit Ungerechtigkeit und Chancenungleichheit.
„Es ist normal, verschieden zu sein. Es gibt keine Norm für das Menschsein.“ Dies sagte 1993 schon Richard von Weizsäcker und beschrieb damit, was wir heute als Inklusion bezeichnen. Wäre Inklusion in unserer Gesellschaft wirklich angekommen, würden wir die Unterschiedlichkeit von Menschen als (neue) Norm definieren. Wir würden diese Übereinkunft anerkennen und konsequent zu Ende denken. Wir würden dann Strukturen, Lern-, Arbeits- und Lebenswelten an die Besonderheiten und Bedürfnisse jedes einzelnen anpassen, so dass alle Mitglieder dieser Gesellschaft selbstverständlich und überall unbehindert teilhaben könnten. Als logische Folge dieses Paradigmenwechsels würden wir konsequent jede Form von Diskriminierung, Sonderwelten und Exklusion ablehnen. Diese Sichtweise, also eine entschieden inklusive Sichtweise, käme allen Menschen zugute. Nicht etwa nur Menschen mit einer sogenannten Behinderung. Alle gehörten selbstverständlich dazu, vom Anfang bis zum Ende. So vielfältig wie wir alle sind mit unseren Bedürfnissen, Eigenheiten, Fähigkeiten, unserem Aussehen oder unserer Herkunft. Niemand müsste fürchten, aufs Abstellgleis zu geraten, an den Rand gedrängt zu werden, nicht gebraucht oder nicht gewollt zu sein.
Auch wenn Inklusion für uns als Familie eine Selbstverständlichkeit ist, in der Breite, in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist sie leider noch lange nicht. Vor diesem Hintergrund ist in letzter Zeit der Drang, mich noch aktiver für Inklusion einzusetzen, immer stärker geworden. Letzten Herbst wurde dann die Idee für niufiu geboren.